Die Balkankriege

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Balkan getrieben von nationalistischen Strömungen, die die Unabhängigkeit ihrer Länder forderten zugleich aber auch von Machtansprüchen der europäischen Großstaaten, die versuchten ihren territorialen Einfluss auszudehnen und sich Gebiete einzuverleiben.

Besonders Österreich-Ungarn dehnte sein Herrschaftsgebiet deutlich aus. Nur durch diplomatische Verhandlungen konnten zunächst Kriege verhindert werden. Erst später wurden auf dem Balkan Kriege zwischen den neuen unabhängigen Staaten geführt, was nicht nur zu politischen Spannungen der Großmächte führte, sondern sich zu einem Flächenbrand ausdehnte, der 1914 ganz Europa erfasste und in dem 1. Weltkrieg mündete.

 

Vorgeschichte:

Jahrhunderte lang war der Balkan Teil des osmanischen Reiches. Doch immer wieder war das Reich Kriegen ausgesetzt, die seinen Einflussbereich auf dem europäischen Teil schwächten. Besonders durch die unzähligen Kriege mit Russland, musste das osmanische Reich große Gebiete abtreten.

Während des russisch-türkischen Krieges von 1877 bis 1878 und dem anschließenden Friedensvertrag von San Stefano musste das osmanische Reich bereits Teile seiner Gebiete abtreten. Mit dem Berliner Kongress vom 13. Juni 1878 bis 13. Juli 1878 wurden einige Gebiete des Balkans aufgeteilt, womit die unabhängigen Staaten Serbien und Montenegro entstanden. Das osmanische Reich konnte, zum Widerwillen Russlands, ebenfalls einige europäische Gebiete behalten. Bosnien und Herzegowina gehörten zu diesen Gebieten, jedoch wurden diese gemäß Art. 25 des Berliner Friedens vom 13. Juli 1878 unter die Verwaltung Österreich-Ungarns für 30 Jahre gestellt. Am 29. Juli 1878 begannen die k.u.k. Truppen mit der Besetzung der neuen Gebiete, was in einigen Teilen zu blutigen Aufständen führte. Mit dem Vertrag von Mürzsteg vom 3. Oktober 1903 einigten sich Österreich-Ungarn und Russland, gemeinsam für Ruhe und Stabilität auf dem Balkan zu sorgen.

1908 endeten die 30 Verwaltungsjahre für die Regionen Bosnien und Herzegowina. Österreich und Russland einigten sich jedoch darauf, dass Österreich die Regionen behalten könnten, wenn Russland die Durchfahrtsrechte durch den Bosporus und die Dardanellen erhielte. Da zu dieser Zeit im osmanischen Reich eine Revolution der Jungtürken statt fand, war das Reich politisch stark geschwächt. Dies nutzte Österreich für seine Zwecke aus. Auch andere Gebiete begannen zu handeln, so erklärte Kreta seinen Anschluss an Griechenland und Bulgarien erklärte seine Unabhängigkeit.

Die Jungtürken versuchten indes im Juli 1908 in das von ihnen wieder eingesetzte Parlament Abgeordnete zu schicken und so wieder die Kontrolle über Bosnien und Herzegowina zu erlangen. Am 4. Oktober verfügte der österreichische Kaiser Franz Joseph I. die Annexion der Gebiete.

Die Annexion führte im osmanischen Reich, in Serbien und in Russland zu Protesten, da die Bevölkerung die slawische Bevölkerung der annektierten Gebiete nicht unter österreichischer Führung haben wollte. Ein Krieg konnte nur dadurch verhindert werden, dass Russland nach dem Krieg mit Japan noch geschwächt war, das mit Russland verbündete Frankreich keinen Grund für einen Kriegseintritt sah und Österreich durch Deutschland unterstützt wurde.

1909 erfolgten Verhandlungen zwischen Österreich und dem osmanischen Reich, das nach einer Zahlung von 50 Millionen Kronen und anderen Vereinbarungen schließlich der Annexion zustimmten.

 

Zeitgenössische Karikatur von Leonard Raven-Hill (1912), welche die damalige Lage auf dem Balkan veranschaulicht

Zeitgenössische Karikatur von Leonard Raven-Hill (1912), welche die damalige Lage auf dem Balkan veranschaulicht

 

Der erste Balkankrieg:

Russland war mit der Annexion der Gebiete durch Österreich-Ungarn zunächst einverstanden, da sich das Land eigene Vorteile erhoffte. Als diese nicht zu trafen entgegnete Russland dem Ausbau des österreichischen Einflusses mit der Schaffung des Balkanbundes zwischen Serbien und Bulgarien. Durch eigene Initiative der beiden Länder traten dem Bündnis später Griechenland und Montenegro bei, womit sich die Ziele änderten und das Bündnis nicht mehr gegen Österreich-Ungarn greifen sollte sondern gegen das osmanische Reich.

Die europäischen Großmächte einigten sich darauf den derzeitigen Status auf dem Balkan anzuerkennen, jedoch war ihnen bewusst, dass sich die kleineren Balkanstaaten nicht kontrollieren ließen.

Am 8. Oktober 1912 erklärte Montenegro als erstes Land dem osmanischen Reich den Krieg. Am 16. Oktober erfolgte die Kriegserklärung des Reiches an Bulgarien, was dazu führte, dass am 17. Oktober Serbien, Bulgarien und Griechenland dem Reich den Krieg erklärten. Zu Beginn des Konflikts konnte das Bündnis auf rund 474.000 Soldaten zurückgreifen, die osmanischen Streitkräfte hingegen hatten nur eine Stärke von rund 290.000 Mann.

 

Bulgarische Soldaten

Bulgarische Soldaten

Die erste Schlacht erfolgte am 21. Oktober beim Sarantaporos Fluss, als griechische Truppen die osmanischen schlugen. Am 24. Oktober wurde Kozani eingenommen und bereits am 1. November fiel Giannitsa. Am 7. November erreichten die griechischen Truppen die Stadt Saloniki, die von 26.000 osmanischen Soldaten gehalten wurde. Nach Verhandlungen zogen die osmanischen Truppen ab und übergaben kampflos die Stadt. Am 21. Februar 1913 fiel Ioannina und am 6. März die Hafenstadt Valona.

Osmanische Soldaten

Osmanische Soldaten

 

Den serbischen Truppen gelang am 6. November 1912 die Einnahme von Üsküb und am 29. November Monastir. Mit den montenegrinischen Truppen wurde am 3. Mai 1913 die Stadt Shkodra erobert.

Mit den bulgarischen Siegen in den Schlachten von Kirk Kilisse und Lüleburgaz, gelang es den Truppen bis nach Konstantinopel vorzustoßen. eine Einnahme der Stadt gelang den bulgarischen Truppen allerdings nicht. Am 20. November 1912 schlossen daraufhin Bulgarien und das osmanische Reich einen separaten Friedensvertrag, der bereits am 2. Februar 1913 wieder gebrochen wurde, als bulgarische Truppen mit der Unterstützung von serbischen Truppen am 26. März 1913 die Einnahme der Stadt Adrianopel gelang.

Am 1. Mai 1913 erfolgte ein Waffenstillstandsvertrag zwischen dem osmanischen Reich und dem Bündnis. Mit dem Londoner Vertrag vom 30. Mai 1913 wurde der Krieg anschließend beendet und das osmanische Reich verzichtete auf alle europäischen Gebiete westlich der Linie zwischen Midia am Schwarzen Meer und Enez an der Ägäisküste, zudem schloss sich Kreta nun offiziell Griechenland an.

Griechische Artillerie

Griechische Artillerie

 

Während des Krieges erklärte zudem Albanien seine Unabhängigkeit. In den Londoner Verträgen wurde die offiziell anerkannt und Albanien einige von Serbien und Montenegro besetzte Gebiete zugesprochen. Besonders Serbien protestierte gegen die Entscheidung, da dem Land somit der Zugang zur Adria verweigert wurde.

 

Der zweite Balkankrieg:

Bereits kurz nach den Londoner Verträgen kam es zu Spannungen zwischen den Balkanländern über die Gebietsaufteilung. So war Bulgarien nicht mit der Grenzziehung durch Makedonien einverstanden und verlangte von Serbien dort einige Gebiete zurück. Serbien hingegen war in den Verträgen der Zugang zur Adria verwehrt worden mit der Unabhängigkeit von Albanien. Um sich Abzusichern, gingen Serbien und Griechenland am 19. Mai 1913 ein Bündnis ein. Auch das osmanische Reich wartete nur auf eine Gelegenheit, sich die verlorenen Gebiete wieder zurück zu holen. Damit war der nächste Krieg auf dem Balkan absehbar.

Am 29. Juni 1913 griffen bulgarische Truppen ohne Kriegserklärung die griechische und serbische Armee an. Doch die Verteidigung schlug die Angreifer zurück und die beiden Staaten erklärten Bulgarien am  8. Juli den Krieg. Am 10. Juli erklärte, das im ersten Balkankrieg neutral gebliebene Rumänien, Bulgarien den Krieg, am 11. Juli folgte das osmanische Reich mit der Kriegserklärung.

Von allen Seiten angegriffen, konnten die wenigen verbliebenen bulgarischen Verteidiger kaum Widerstand leisten, sodass bereits nach wenigen Tagen rumänische Truppen vor der Hauptstadt Sofia standen und die osmanischen Truppen am 21. Juli Adrianopel einnehmen konnten.

Gefangen genommene bulgarische Soldaten

Gefangen genommene bulgarische Soldaten

 

Die eigentliche bulgarische Streitkraft war fast den gesamten Krieg über in Gefechte mit den griechischen Truppen verwickelt, sodass diese gar nicht erst an anderen Fronten eingesetzt werden konnten.

In Folge der völligen Überlegenheit der Verbündeten gegen das auf sich allein gestellte Bulgarien, musste dieses einem Friedensvertrag zustimmen. Die Unterzeichnung fand am 10. August 1913 statt und das Land wurde gezwungen, fast alle Gebiete abzutreten welches es im ersten Balkankrieg erobern konnte.

 

Der Balkan im 10. und 11. Jahrhundert

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Der Balkan im 14. und 15. Jahrhundert

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Der Balkan im 19. Jahrhundert

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Der Balkan bis 1915

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Die Folgen der Balkankriege:

Die Balkankriege waren nicht nur Inbegriff der Autonomie Bestrebungen der Balkanländer gegenüber dem osmanischen Reich und Österreich-Ungarn, sondern diente in vieler Hinsicht auch einem Stellvertreterkrieg der europäischen Großmächte, die ihren Einfluss auf dem Balkan ausdehnen wollten.

Geprägt waren die Kriege besonders von dem brutalen Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung, die unter den jeweiligen Besatzern besonders zu leiden hatten. Ganze Landstriche wurden durch Vertreibung oder Massenmorde ethnisch gesäubert, was die Verhältnisse der Balkanländer bis in die heutige Zeit vergiftet hat.

Die entscheidende Folge der Balkankriege war der Entschluss einiger Länder, die nach dem zweiten Balkankrieg gezogenen Grenzen nicht zu akzeptieren und jede Gelegenheit nutzen zu wollen diese wieder zu revidieren. Dies führte schlussendlich dazu, dass ein serbischer Nationalist den österreichischen Thronfolger erschoss und aus einem Stellvertreterkrieg ein europaweiter Krieg wurde.

 

 


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Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert

Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert Taschenbuch – 17. November 2014

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Die Balkankriege 1912/13 (Trotzki-Bibliothek)

Die Balkankriege 1912/13 (Trotzki-Bibliothek) Taschenbuch – 1. Januar 1996

Die Balkankriege 1912/13 (Trotzki-Bibliothek) Taschenbuch – 1. Januar 1996

Die Kriege, die in den Jahren 1912 und 1913 auf dem Balkan tobten, warfen ihre Schatten auf das 20. Jahrhundert. Sie enthielten im Keim alle jene Spannungen und Gräuel, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg und zahlreiche Konflikte in Asien und Afrika prägen sollten. Trotzki, der damals als 33jähriger Revolutionär im Wiener Exil lebte, bereiste den Balkan während dieser Zeit als Korrespondent einer sozialistischen Kiewer Zeitung. Seine Berichte, die in diesem Band gesammelt sind, verbinden eine hervorragende Beobachtungsgabe mit einem tiefen Einblick in die gesellschaftlichen und politischen Ursachen des Geschehens. Der jüngste Krieg in Bosnien verleiht ihnen eine ungeahnte Aktualität. Das russische Original des Werkes war ursprünglich im Jahr 1926 als Band 6 seiner Gesammelten Werke im sowjetischen Staatsverlag erschienen, fiel jedoch kurz danach der stalinistischen Zensur zum Opfer.
Direkt aus dem russischen Original übersetzt, liegt dieses Buch zum ersten Mal in deutscher Sprache vor.

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Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa?: Die Balkankriege und die öffentliche Meinung in Deutschland, England und Irland 1876-1913 (Krieg in der Geschichte)

Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa?: Die Balkankriege und die öffentliche Meinung in Deutschland, England und Irland 1876-1913 (Krieg in der Geschichte) Gebundene Ausgabe – 17. September 2008

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Eine Studie zur medialen Wahrnehmung von Krieg und Gewalt auf dem Balkan, wo sich im Vorfeld des Ersten Weltkrieges die Kriegsrealität des 20. Jahrhunderts ankündigte.Ohne Krieg keine Nation und kein Nationalstaat das wurde im 19. Jahrhundert zu einer europäischen Erfahrung. Die Nation sprach vom Volkskrieg, doch die Staaten suchten ihn im Stil eines Kabinettskrieges zu führen. Der Krieg sollte möglichst nicht auf die Zivilbevölkerung übergreifen.

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Die Verjagten: Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts

Die Verjagten: Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts Broschiert – 2. März 2015

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Das 20. Jahrhundert wird auch als Zeitalter der Vertreibungen bezeichnet. Schon bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, wälzten sich über den Kontinent Ströme von Menschen, die vor ethnischen Verfolgungen flohen. Und noch im letzten Viertel des Jahrhunderts gab es Zwangsmigrationen, ausgelöst vor allem durch den Zusammenbruch des kommunistischen Systems. Jan M. Piskorski legt mit seinem preisgekrönten und auf breiter Quellen- und Literaturbasis geschriebenen Buch eine Geschichte dieser Vertreibungen vor. Ein leidenschaftliches, mahnendes, mitunter auch provokantes Buch, das man nicht unberührt aus der Hand legt.

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