Die Frage der Kriegsschuld am 1. Weltkrieg

Bis heute gilt im größten Teil der Bevölkerung immer noch der Glaube, dass das deutsche Reich die alleinige Schuld an dem 1. Weltkrieg trägt. Doch in den letzten Jahren beschäftigte sich die Geschichtswissenschaft immer mehr mit diesem Thema und immer öfters kamen die Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Deutschland keinesfalls die alleinige Schuld trägt.

Zwar gilt das Attentat vom 28. Juni 1914 auf den Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo als Ausgangspunkt für den Krieg, doch stellt dieses Ereignis nur einen Teil dessen da, was sich in der Politik, dem Militär und der Wirtschaft bereits Jahre zuvor abspielte und was den tatsächlichen Hintergrund für einen Krieg stellt, der früher oder später unausweichlich geworden wäre.

Um diese Hintergründe zu verstehen, ist es erforderlich sich die großen Mächte in Europa anzuschauen und aufzulisten, wer welche Interessen an einem Krieg hatte und welche Beweggründe es dafür gab:

 

 

 

Großbritannien:
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es Großbritannien zur alleinige Weltmacht aufzusteigen. Kriege in der Vergangenheit gegen Spanien, die Niederlande und Frankreich konnten gewonnen werden. Zwar verlor das Land seine Kolonien in den USA, doch diese neue Nation stand wirtschaftlich und militärisch erst am Beginn und stellte zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr für Großbritannien da.

Auf Grundlage der rasant wachsenden Industrialisierung, besonders in den Bereichen der Stoff und Textilverarbeitung, Eisenbahnbau und dem Schiffsbau und den weltumspannenden Kolonien, gelang es dem Land sich eine Monopolstellung im Welthandel zu sichern und diese zu festigen. Dieser Aufschwung führte jedoch dazu, dass die Bevölkerung des Landes zunehmend in die Städte zog und die Produktion von Lebensmitteln nicht mehr den Bedarf decken konnte. Somit war das Land in den kommenden Jahren immer mehr auf den Import von Lebensmitteln und Maschinen angewiesen, was zu einem hohen Außenhandelsdefizit führte. Lediglich die Sektoren der Dienstleistungen und der Versicherungen bewahrten das Land vor einer Verschuldung.

Ab den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts drängten die USA und die deutschen Einzelstaaten immer mehr auf den Weltmarkt mit den gleichen Produkten wie Großbritannien und standen damit in direkter Konkurrenz mit deren Wirtschaft. Das führte dazu, dass Großbritannien am 23. August 1887 zum Schutz der eigenen Produkte eine Herkunftsbezeichnungspflicht einführte. Ziel war es, ausländische Produkte zu kennzeichnen und Käufer somit vor einem Kauf abzuschrecken. Da sich zu diesem Zeitpunkt die Produkte aus dem deutschen Reich jedoch schon als den britischen als ebenbürtig, wenn nicht besser erwiesen wurde das Siegel "Made in Germany" ungewollt zu einem Markenzeichen von Qualität.

Einen weiteren Rückschlag gegenüber dem deutschen Reich musste Großbritannien am 5. März 1903 bei der Ausschreibung für den Bau der osmanischen Bagdadbahn erleben. Der Zuschlag wurde an deutsche Firmen erteilt und somit auch die Schürfrechte auf Gas und Öl. Zudem war es dem deutschen Reich erlaub, Militärstützpunkte in dem Gebiet anzulegen. Die Hoffnung Großbritanniens den nahen Osten unter ihre Kontrolle zu bringen wurde damit zerschlagen.

Somit ist erkennbar, dass um die Jahrhundertwende das deutsche Reich in der Wirtschaftsleistung der Großbritanniens gleichziehen, wenn nicht teilweise überholen konnte. Das Land sah somit seine Dominanz auf dem Welthandel in Gefahr, doch anstatt seine Produkte oder Industrie zu verbessern, stütze sich sowohl die britische Wirtschaft als auch die Politik auf die Schlagkraft seiner Kriegsschiffe um die Konkurrenz auf dem Weltmarkt wenn nötig auch militärisch auszuschalten. Diese Denkweise führte zu der britischen Selbstverpflichtung, dass die eigene Marine mindestens so groß sein muss, wie die zweit und drittgrößte zusammen. Mit dieser Maßnahme sollte es Großbritannien ermöglicht werden, den zu dieser Zeit fast ausschließlich über die Seewege geführte Handel zu unterbinden, zu stören oder durch das Monopol zu diktieren. Der Flottenaufbau erhielt somit keinen defensiven Character sondern einen sehr aggressiven. Gleichzeitig wurde damit begonnen in der Öffentlichkeit das Feindbild des deutschen Reiches aufzubauen, was an Zeitungsartikel wie dem der Saturday Review vom 11. September 1897  anzumerken ist:

„Auf die Länge beginnen auch in England die Leute einzusehen, daß es in Europa zwei große unversöhnliche, entgegengesetzte Mächte gibt, zwei große Nationen, welche die ganze Welt zu ihrer Domäne machen und von ihr den Handelstribut erheben möchten. England, mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Aggression und der wunderbaren Überzeugung, daß es beim Verfolg seiner eigenen Interessen Licht unter den im Dunkeln wohnenden Völkern verbreite, und Deutschland, Fleisch vom selben Fleisch und Blut vom selben Blut, mit geringerer Willenskraft, aber vielleicht lebhafterer Intelligenz, wetteifern in jedem Winkel des Erdballs. … Überall, wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, liegt ein deutscher Handlungsreisender mit dem englischen Hausierer im Streit.“

 

Fazit:
Großbritannien hatte sich um die Jahrhundertwende wirtschaftlich in eine schwierige Situation gebracht und Marktanteile sowohl an die USA als auch an das deutsche Reich verloren. Auch sah das Land seine Dominanz auf dem Welthandel in Gefahr.

Die Interessen Großbritanniens an einem Krieg lagen eindeutig an der wirtschaftlichen Zerschlagung des deutschen Reiches und somit an der Beibehaltung seiner Dominanz des Welthandels.

 

 

 

Frankreich:
Frankreich durchlebte im 19. Jahrhundert eine Phase der politischen Unsicherheit, geprägt durch Umstürze, Revolution und Krieg.

Von der Zeit Napoleon I . über die französische Republik bis zu Kaiser Napoleon III. konnte keine politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Stabilität das Land beruhigen.

Besonders schwerwiegend in dem französischem Bewusstsein war der verlorene Krieg gegen Preußen im deutsch-französischen Krieg 1870 / 1871. Die Kriegserklärung kam zwar durch Frankreich, durch die Niederlage, die deutsche Einigung und das Abtreten von Elsass Lothringen an das deutsche Reich, verdrängten die Franzosen jedoch ihre eigene Schuld an dem Krieg und sahen in Deutschland ab diesem Zeitpunkt einen Erbfeind.

Zwar konnte sich Frankreich nach dem Krieg wirtschaftlich erholen, doch konnte es nicht an die Stärke Deutschlands, Großbritanniens oder den USA anknüpfen. Auch hierfür wurde die Schuld an dem verlorenen Krieg Deutschland zugespielt. Zudem bestand in dem Großteil der Bevölkerung und der Politik der Anspruch, sowohl Elsass Lothringen als auch weite Teile des deutschen Gebietes westlich des Rheins seien Teil Frankreichs und müssten zurück geholt werden. Somit wurde über Jahre hinweg die eigene Schuld und Unfähigkeit mit der Zuweisung aller Schuld an Deutschland überdeckt.

Da Frankreich zur Jahrhundertwende jedoch nicht in der Lage war, sich mit der Wirtschaftskraft Deutschlands zu messen, wurde sowohl mit Großbritannien als auch mit Russland ein Bündnissystem eingeleitet um gemeinsam dem deutschen Reich entgegen treten zu können. Auch militärisch rüstete Frankreich deutlich stärker auf, als es Deutschland tat.

 

Fazit:
Seit dem verlorenen Krieg strebte Frankreich immer aggressiver auf einen Ausgleich und das Zurückholen von verlorenen Gebieten ein. Diplomatisch wurde durch das Bündnissystem mit Großbritannien und Russland bereits die Grundlage für das Handeln gegen Deutschland gelegt, militärisch rüstete das Land stark auf um sich auf einen Krieg vorzubereiten.

Durch den verletzten Nationalstolz und dem jahrelangen Aufbau des Erbfeindes Deutschland, konnten so von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen abgelenkt werden.

 

 

 

Das Deutsche Reich:
Nach dem deutsch-französischem Krieg und der Einigung der deutschen Kleinstaaten 1871 zu einem deutschen Reich, konnte sich das Land in den folgenden Jahrzehnten als europäische Großmacht auf dem Kontinent etablieren.

Das starke Wachstum des Landes beruhte im Großen und Ganzen auf dem schnellen Bevölkerungswachstum, der Entwicklung neuer und innovativer Technologien und der starken Wirtschaft in den Bereichen Stahl, Chemie und Elektrotechnik.

Besonders nach der Einführung der Sozialversicherung in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, der Einführung von Richtlinien zum Schutz der Arbeiter und den steigenden Reallöhnen begann sich die Bevölkerung schlagartig zu vergrößern. In dem Zeitraum von 1875 bis 1913 wuchs diese von 43 auf 67 Millionen.

Wirtschaftlich gelang es dem deutschen Reich sich hinter den USA als zweitgrößter Hersteller von Stahlerzeugnissen, Chemieprodukten und Elektronikbauteilen zu etablieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten das Land Großbritannien sowohl in der Menge als auch in der Qualität überholen.

Territorial hingegen strebte das deutsche Reich keine Ausdehnung auf dem europäischen Kontinent an. Auch der Erwerb weiterer Kolonien war nicht geplant, ausgenommen waren Handelsstationen zur Lagerung von Kohle.

Der in der Geschichtsschreibung oft beschriebene Aus und Aufbau der Hochseeflotte diente ebenfalls zu keinem Zeitpunkt einer aggressiven Politik gegenüber Großbritannien. Bis zur Jahrhundertwende waren die deutschen Kriegsschiffe fast ausschließlich auf den Schutz der Küsten ausgelegt, die deutsche Marine hatte nur wenige Kriegsschiffe, die hochseetauglich waren und es mit vergleichbaren britischen Kriegsschiffen aufnehmen konnten. Erst mit der britischen Selbstverpflichtung, dass ihre Flotte mindestens so stark wie die zweit und drittgrößte zusammen sein sollte, veranlasste Deutschland mit dem Aufbau einer Hochseeflotte. Diese sollte jedoch nur und ausschließlich dem Schutz und der Sicherheit der deutschen Seewege und der Handelsflotte dienen und durch ihre Größe eine abschreckende Wirkung erzielen. Im Gegensatz zu der britischen Flotte hatte die Deutsche damit einen defensiven Character und keinen aggressiven wie es, besonders in der britischen Presse angeprangert wurde.

Die Pläne Frankreichs und dessen Bündnissystem blieben natürlich dem deutschen Reich nicht verborgen, sodass sich sowohl die politische als auch die militärische Führung zur Aufrechterhaltung der Bündnisse mit Österreich-Ungarn und Italien sah und auch die militärische Aufrüstung entsprechend der Befürchtung eines Krieges vorangetrieben wurde. Die Unruhen auf dem Balkan wurden zudem von deutscher Seite aus kritisch beobachtet. Zum einen stand dabei die Einmischung Russlands in die Innerpolitischen Belange Österreich-Ungarn, zum anderen war der Führung bewusst, dass Unabhängigkeitsbestrebungen auf dem Balkan zum Zusammenbruch der Donau Monarchie geführt hätte. Dementsprechend forderte Deutschland auch während der Julikrise 1914 ein hartes Vorgehen gegen die Serben, jedoch wurde versucht diesen Konflikt auf die Region zu beschränken und sich nicht auszuweiten.

 

Fazit:
Das deutsche Reich hegte keine Ausdehnungsabsichten auf dem Kontinent noch in den Kolonien.

Die Aufrüstung der Streitkräfte waren eine Reaktion auf die britische Vergrößerung der Marine und die französische Aufrüstung des Heeres und sollte lediglich zur Verteidigung des Reiches dienen.

Während der Julikrise wurde ein hartes Vorgehen gegen die Serben gefordert, ein Krieg mit Russland oder den anderen Großmächten wurde von Deutschland jedoch nicht angestrebt aber auch nicht ausgeschlossen.

 

 

 

Italien:
Ähnlich wie die deutsche Einigung, verlief auch die italienische Einigung durch einen Krieg und das Bewusstsein einer Gemeinschaft. Im Gegensatz zu dem deutschen Reich, welches keine weiteren Gebietsansprüche auf dem Kontinent stellte, waren es in Italien die extremen politischen Kreise die besonders von Österreich-Ungarn die Abtretung von Südtirol, Istrien und dem Mittelmeerhafen Triest forderten. Nicht wenige stellten sogar die Forderung, das alte römische Reich mit seinen Besitzungen im Mittelmeer sollte wieder eingefordert werden.

So kam es zum Ende des 19. Jahrhundert, das Italien Äthiopien, Eritrea und den Norden Somalias zu Italienisch-Ostafrika erklärte und sowohl die Ägäis Inseln der Dodekanes sowie Tripolitanien durch einen Krieg dem osmanischen Reich besetzte. Versuche auch in Asien Stützpunkte zu errichten, scheiterte allerdings an dem Widerstand Großbritanniens und der USA.

Trotz der Gebietsansprüche gegenüber Österreich-Ungarn entschloss sich Italien dem Bündnis zwischen diesem Land und dem deutschen Reich beizutreten.

 

Fazit:
Die politische und militärische Führung Italiens träumte von der Auferstehung des römischen Reiches und begann mit der Annektierung von Gebieten rund um das Mittelmeer und stellte Forderungen an Österreich-Ungarn.

 

 

 

Österreich-Ungarn:
Die Doppelmonarchie gehörte zu den ältesten Dynastien in Europa, was sich sowohl politisch, militärisch als auch gesellschaftlich wiederspiegelte, denn in keinem anderen europäischem Land wurde so fest an den Glanzzeiten der Vergangenheit festgehalten wie in diesem.

Das betraf besonders die Bestrebungen nach mehr Demokratie, Reformen und Autonomie einzelner Gebiete, weswegen das Land in diesen Bereich deutlich hinten denen der anderen Länder zurück lag.

Auch wurde der Balkan als Einflussbereich Österreich-Ungarn angesehen, nachdem das osmanische Reich von dort verdrängt wurde, Autonomie Bestrebungen wurden weder toleriert oder beachtet. Jedoch stellte die russische Einflussnahme, besonders auf Serbien einen Konflikt Punkt zwischen diesen beiden Ländern. Sowohl das Militär als auch die Monarchie befürchteten, dass bei mehr Unabhängigkeit die Doppelmonarchie früher oder später auseinander brechen würde.

 

Fazit:
Österreich-Ungarn war bestrebt in der Aufrechterhaltung der Monarchie und der Unterdrückung von Demokratie und Unabhängigkeit.

Weiter war das Land Gebietsansprüchen Seitens Italiens und der Einflussnahme Russlands auf dem Balkan ausgesetzt.

 

 

 

Russland:
Die russischen Interessen lagen besonders in der Ausdehnung Richtung Westen um Zugang zum Mittelmeer sowie zum Atlantik zu erhalten. In den letzten Jahrhunderten verleibte sich das Land Finnland, die baltischen Staaten und Ostpolen ein. Durch mehrere Kriege gegen das osmanische Reich gelang es auch sich Richtung Mittelmeer auszudehnen.

In den Serben wurde von der Zarenfamilien eine Art Brudervolk gesehen, dessen Interessen die der Russen seien. Aus diesem Grund sah sich Russland auch als Schutzmacht von Serbien an und versuchte so den Einfluss Österreich-Ungarns zu verringern. Während der Julikrise war es dementsprechend auch Russland die an der Seite der Serben standen und jegliche militärische Schritte gegen das Land als Krieg gegen Russland sahen.

 

Fazit:
Russland strebte weitere Ausdehnungen Richtung Westen und Süden, was zwangsläufig wieder zu einem Krieg mit dem osmanischen Reich oder Österreich-Ungarn gekommen wären.

Weiter sah sich das Land als Schutzmacht von Serbien an und versuchte so, den eigenen Einfluss auf dem Balkan auszudehnen.

 

 

 

Das osmanische Reich:
Das osmanische Reich, was auf dem Gebiet und dem Niedergang des byzantinischen Reiches entstanden war, überdauerte bereits seit Jahrhunderten, hatte seine Hochphase bereits seit Jahrzehnten überschritten und befand sich bereits im Niedergang.

Mehrere Kriege gegen die europäischen Staaten hatten dazu geführt, dass das Reich seite europäischen Gebiete nahezu alle abgeben musste und Russland noch weitere Forderungen stellte. Zudem waren sowohl die Wirtschaft als auch das Militär im Gegensatz zu den anderen Staaten deutlich im Rückstand und konnten keinen Anschluss mehr finden.

Zwar wurden bereits einige Reformen im Land durchgeführt um die Bevölkerung zu beruhigen, trotzdem gab es noch genug Kreise die das Reich zu seiner alten Stärke bringen und auch die verlorenen Gebiete im nahen Osten, Afrika und Europa zurück erobern wollten.

 

Fazit:
Trotz des andauernden Niederganges des Reiches waren politische und militärische Kreise bestrebt das Reich wieder Auszudehnen und besonders die verlorenen Gebiete an Russland wieder zurück zu erobern.

 

 

 

Zusammenfassung:
- Großbritannien: Wirtschaftliche Gründe
- Frankreich: Rache, verletzter Nationalstolz
- Das deutsche Reich: Abschreckung, Präventivschlag gegen Einkreisung
- Italien: Territoriale Ausdehnung, Wiederaufbau des römischen Reiches
- Österreich-Ungarn: Aufrechterhaltung der Monarchie
- Russland: Territoriale Ausdehnung, Einfluss auf dem Balkan
- Das osmanische Reich: Territoriale Ausdehnung, Rückeroberung verlorener Gebiete

Es ist damit Abzulesen, dass jede Großmacht ihre eigenen Hintergründe für einen Krieg hatte und im Endeffekt nur auf eine passende Gelegenheit gewartet werden musste, damit es auch zu einem Krieg kam.

Eine solche Gelegenheit ergab sich am 28. Juni 1914, als der Österreich-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet wurde und anschließende Spirale zu dem ersten Weltkrieg führte. Doch war das deutsche Reich hier tatsächlich die treibende Kraft? Dazu müssen die Entscheidung nach dem Attentat berücksichtigt werden:

  • Das Attentat am 28. Juni 1914 wurde von dem serbischen Nationalisten Gavrilo Princip verübt
  • Österreich-Ungarische Militärs fordern daraufhin sofortige Schritte militärischer Gewalt. Das deutsche Außenministerium bittet den britischen und russischen Botschafter "Komplikationen" zu verhindern und die Tat nicht dem serbischen Staat anzuhängen (es ist zu erkennen, dass die Politik eine diplomatische Lösung sucht, einige Militärkreise sowohl in Österreich-Ungarn wie auch im deutschen Reich eine militärische Lösung beschränkt auf Serbien vorschlagen)
  • Das deutsche Reich sicherte Österreich-Ungarn seine Unterstützung im Sinne der Bündnis Verpflichtung zu und eine freie, selbstständige Handhabe in Bezug auf Serbien (von deutscher Seite aus wurde damit kein Krieg gegen Russland, Frankreich oder Großbritannien angestrebt)
  • Österreich-Ungarn stellte am 23. Juli 1914 Serbien ein Ultimatum, was nicht zu erfüllen war
  • Am 24. Juli 1914 erfolgte die Mobilmachung Serbiens
  • 25. Juli 1914 Russland erklärt seine Schutz Garantie an Serbien
  • 27. und 28. Juli 1914 erklären Deutschland, Frankreich und Großbritannien in einer diplomatischen Note, Österreich-Ungarn möchte das von Serbien fast vollständig erfüllte Ultimatum annehmen
  • 28. Juli 1914 erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg
  • 29. Juli 1914 russische Teilmobilmachung
  • 29. Juli 1914 nach gegenseitigen Drohungen zwischen dem deutschen Reich und Großbritannien, weist der deutsche Reichskanzler Österreich-Ungarn an die Verhandlungen mit Russland wieder aufzunehmen
  • 31. Juli 1914 russische Generalmobilmachung
  • 1. August 1914 französische Generalmobilmachung (16:00 Uhr)
  • 1. August 1914 deutsche Generalmobilmachung (17:00 Uhr) und Kriegserklärung an Russland, da diese ihre Mobilmachung nach Ultimatum nicht zurück genommen hatten

Der erste Weltkrieg hatte damit begonnen.

Auch hier ist zu erkennen, dass das Deutsche Reich keine treibende Kraft für den Krieg war. Bedingt durch den Aufruf der Militärkreise Österreich-Ungarns nach einem harten Vorgehen gegen Serbien, der Mobilmachung Russlands und der Bündnis Verpflichtung Deutschlands, war die eigene Mobilmachung lediglich eine Reaktion auf den bevorstehenden Krieg.

 

Bis heute halten sich jedoch immer noch hartnäckig einige Thesen, die dem deutschen Reich die alleinige Kriegsschuld zuweisen:

  1. Der Aufbau der Hochseeflotte
    Die deutsche Hochseeflotte wird als eines der Hauptargumente einer aggressiven Rüstung des Deutschen Reiches hervorgehoben und oftmals genannt.

    Tatsache:
    Die deutsche Hochseeflotte war eine Reaktion auf die bereits Jahre zuvor in Großbritannien herausgebrachte Selbstverpflichtung, dass die eigene Marine mindestens so groß sein muss, wie die zweit und drittgrößte zusammen. Großbritannien wäre damit in der Lage den Welthandel auf den Seewegen komplett zu blockieren, zu stören oder zu diktieren. Die deutsche Hochseeflotte hatte einzig und alleine den Zweck der Sicherung der eigenen Handelswege und sollte als Abschreckung dienen, damit kein anderes Land dem deutschen Reich den Krieg erklärte. Diese hatte damit einen defensiven Character und keinen aggressiven. Zudem lag das Kräfteverhältnis der Flotten zwischen den Alliierten und den Mittelmächten 4,5 zu 1, womit die deutsche Flotte gar nicht in der Lage gewesen wäre, als Angriffs Flotte zu fungieren. 

     

    2. Der Schlieffen-Plan
    Die Ausarbeitung des Schlieffen-Plans soll als Argument dienen, dass das Deutsche Reich bereits vor dem ersten Weltkrieg plante, Frankreich anzugreifen.

    Tatsache:
    Bereits nach dem deutsch-französischen Krieg war der militärischen Führung im Deutschen Reich bewusst, dass Frankreich früher oder später erneut einen Krieg führen wird um sich die verlorenen Gebiete zurück zu holen. Dieser Wunsch nach einer Revanche festigte sich auf französischer Seite in den folgenden Jahrzehnten immer mehr. Um nicht selbst angegriffen zu werden, begann Frankreich zudem mit dem Bau schwerer Befestigungen an der Grenze zu Deutschland und schmiedete ein Bündnissystem mit Großbritannien und Russland um Deutschland zu isolieren und einzukreisen.Aufgrund dieser Tatsachen entwickelte die deutsche Militärführung den Operationsplan für einen eventuellen Krieg gegen Frankreich. Dieser Schlieffen-Plan war also eine Reaktion auf die französische Aggression gegenüber Deutschland und sollte nur im Verteidigungsfall zum Einsatz kommen.

     

     

    3. Die Aufrüstung des Heeres
    Ein ebenfalls auch oft benutztes Argument ist die Aufrüstung des Heeres, das als Zeichen der deutschen Aggression dienen soll.

    Tatsache:
    Im Vergleich zu den Rüstungsausgaben der anderen europäischen Großmächte waren die des Deutschen Reiches eher gering.
    Vergleicht man z.B. die Ausgaben für die Marine, so wird ersichtlich, dass Großbritannien 1910 / 1911 823 Millionen Mark für ihre Marine ausgab. Deutschland hingegen nur 434 Millionen Mark.
    Auch die Stärke des Heeres vor dem Krieg im Vergleich zu den anderen Staaten war nicht viel größer:
    Deutschland: 880.000 Soldaten
    Großbritannien: 800.000 Soldaten
    Russland: 1.423.000 Soldaten
    Frankreich: 736.000 Soldaten
    Wenn man hierbei die Anzahl der Soldaten zu der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Landes rechnet, hätten sowohl Frankreich auch als Großbritannien mehr Soldaten in Prozenten zu Zivilisten als dies im Deutschen Reich der Fall gewesen wäre.

 

 

 

Woher kommt die Behauptung, Deutschland trägt die alleine Schuld am Krieg?

Die bis heute überwiegende Behauptung, das Deutsche Reich trägt die alleine Schuld für den ersten Weltkrieg, kommt von dem Friedensvertrag von Versailles aus dem von Artikel 231 folgender Inhalt kommt:

„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“

Dieser Artikel sollte jedoch in erster Linie nicht die Frage der Kriegsschuld beschreiben, sondern die besonders von Großbritannien und Frankreich völlig überzogenen Forderungen juristisch und moralisch in der Weltöffentlichkeit legitimieren, die dem Deutschen Reich auferlegt wurden.

Somit wurde nach dem Krieg in der Gesellschaft das Bild eines Deutschen Reiches aufgebaut, welches durch seinen angeblichen Militarismus Europa von sich aus mit dem Krieg überzogen hat.

Diese Behauptung sollte nicht nur von dem eigenen Anteil an dem Ausbruch des Krieges in den alliierten Ländern ablenken, sondern ermächtigte diese mehr oder weniger zur Ausbeutung Deutschlands.

 

 

 

Welche Kriegsziele konnten erreicht werden?

  • Großbritannien:
    Das Deutsche Reich musste alle seine Kolonien abtreten, überwiegend an Frankreich und Großbritannien.
    Weiter musste die deutsche Hochseeflotte an Großbritannien ausgeliefert werden (diese versenkte sich jedoch selbst).
    Deutschland musste zudem den größten Teil seiner Handelsschiffe abtreten.Damit entledigte sich Großbritannien zum einen der Gefahr, die angeblich von der deutschen Hochseeflotte ausging, zum anderen schaltete es einen wirtschaftlichen Konkurrenten aus und behielt seine Vormachtstellung im Welthandel.
  • Frankreich:
    Elsass und Lothringen mussten an Frankreich abgetreten werden. Zudem besetzten französische Truppen das Saarland und das Ruhrgebiet und plünderten dieses wirtschaftlich. Auch das ostdeutsche Industriezentrum von Oberschlesien musste auf Druck von Frankreich an Polen abgegeben werden, obwohl die Volksabstimmung mit 59,4 % für den Verbleib zu Deutschland stimmte.Wenn man die Schleifung der Festungen in Westdeutschland und die Beschränkungen des Militärs dazu zählt, konnte Frankreich seine gesetzten Kriegsziele alle durchsetzen. Weiter musste Deutschland große Summen und Material als Reparationsleistung an Frankreich abtreten.
  • Italien:
    Italien war zwar vor dem Krieg mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet, doch nach dem Ausbruch des Krieges proklamierte es seine Neutralität nur um etwas später an der Seite der Alliierten seinen ehemaligen Verbündeten in den Rücken zu fallen und ihnen den Krieg zu erklären.Nach dem Krieg erhielt Italien einige Gebiete von Österreich-Ungarn, die dem Land von Seiten der Alliierten als Kriegsbeute zugesagt wurden.

 

 

 

Wer trägt die Schuld am ersten Weltkrieg?

Aus heutiger Sicht und nach den neusten Untersuchungen der Geschichtswissenschaft kann die alleinige Schuld Deutschlands an dem Krieg ausgeschlossen werden.

Jede europäische Großmacht hatte bereits vor dem Krieg ihre eigenen Ziele und Hintergründe, die für sie einen Krieg rechtfertigten oder erstrebenswert machten.

Das Attentat 1914 und die Juli Krise waren lediglich der ersehnte Ausgangspunkt auf dem sich durch das jeweilige Bündnissystem und dem Einfluss der jeweiligen Militärs, eine Situation ergeben hatte, wo ein Krieg zwar vermeidbar gewesen wäre, aber doch von allen Staaten gewollt war. Somit trugen sowohl Österreich-Ungarn, Deutschland, Russland, Frankreich und Großbritannien jeweils ihren Teil dazu bei, dass aus einem Regional Konflikt ein Weltkrieg entstand.

 

 

 

 

 

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